Deutsche Post übernimmt StreetScooter: Blamage für deutsche Autobauer – Kommentar

StreetScoter: Kooperationsprojekt der Post mit der RWTH Aachen (Foto: Post/Portal-21.de) StreetScoter: Kooperationsprojekt der Post mit der RWTH Aachen (Foto: Post/Portal-21.de)

Bonn, 09.12.2014 – Was macht im Kern einen Hersteller von Autos aus? Niemals zuvor war die Frage wohl so brisant, wie aktuell durch der zunehmende Digitalisierung und Elektrifizierung der Fahrzeuge. Denn seitdem das Auto neuerdings zunehmend als intelligent navigierender Stromspeicher in einem intelligenten Stromnetz (Smart Grid) und Verkehrssystem (Connected Car, Smart City) verstanden wird, spielt die Kernkompetenz der deutschen Premium-Marken, nämlich die zwar skalierbaren, aber immer auf fossilen Brennstoffen basierenden PS-starken Antriebssysteme, plötzlich nicht mehr die alles entscheidende Rolle für den Verkauf.

Und wenn Elon Musk als global denkender IT- und Internet-Milliardär seine Tesla Luxus-E-Autos bauen und vor allem erfolgreich vermarkten kann, warum nicht auch ein international ausgerichteter Logistik-Konzern einen elektrischen Kleintransporter? Die Deutsche Post DHL jedenfalls wagt den Schritt mit dem Kauf der StreetScooter GmbH und kauft damit ein ehemaliges Start-up aus dem Umfeld der RWTH Aachen mit dem Ziel, wirtschaftliche Elektroautos zu entwickeln.

Das Spin-Off  ist als Konsortium aus rund 80 Industrieunternehmen der Automobilindustrie und verwandter Branchen gestartet. Es wurde 2010 gegründet und beschäftigt 70 Mitarbeiter. Seit 2013 sind in Aachen im ehemaligen Talbot-/Bombardierwerk rund 200 StreetScooter Fahrzeuge produziert worden. Die ersten 20 hat die Post bereits in Bonn im Einsatz, 50 weitere an anderen Stützpunkten. Ab Anfang nächsten Jahres sollen mehr als 100 der Elektro-Lieferwagen bei der Post unterwegs sein.

Mit der Übernahme der StreetScooter GmbH, die noch unter dem Vorbehalt der fusionskontrollrechtlichen Freigabe steht, übernimmt Deutsche Post DHL auch die Entwicklungs- und Produktionsrechte an den Fahrzeugen sowie die Mitarbeiter. Zwar läßt die Übernahme vermuten, dass es am Ende größere Reibungsverluste in der Zusammenarbeit gegeben haben könnte. Und ja, die Post hat auch Elektroautos von Renault, Iveco und Mercedes in der Flotte. Aber peinlich muss der Deal vor allem den deutschen Autobauern sein, die offenbar nicht in der Lage waren, der Post für so ein E-Auto-Gemeinschaftsprojekt ein Kooperationsangebot zu machen. Denn nun hat sich die Deutsche Post dazu entschieden, ihre elektrischen Zustellfahrzeuge selbst zu bauen.

Man darf gespannt, ob sich die Post sich mit der eigenen E-Auto-Firma nur auf ein vorübergehendes Abenteuer eingelassen hat, oder ob der Bonner Logistikkonzern daraus ein eigenes Geschäftsfeld für die e-Mobilität der Zukunft entwickelt. Mit den bereits vorhandenen technische Ressourcen bei der Post, ihrem verkehrstechnischen und logistischen Know-How und vor allem einem zigtausendfachen Bedarf an emissionsfreien, möglichst sogar selbstfahrenden E-Fahrzeugen, bietet die Übernahme dem Konzern jedenfalls enormes Einspar- und Wachstumspotential – auch für neue Märkte. Stand heute wären dies mal mindestens zwei: die Märkte für Solarspeicher bei Erneuerbaren Energien und für grüne Autos.

Gelingt das Experiment, dürfen sich die deutschen Autobauer zumindest im Segment der Kleintransporter zum einen auf weniger Umsatz mit der Post und zum anderen auf einen ebenbürtigen, global agierenden Konkurrenten einstellen.

GEORG STANOSSEK
info(at)portal-21.de

 

Hintergrund Streetscooter:
Die Zusammenarbeit von Deutsche Post DHL und der StreetScooter GmbH begann 2011 mit der Entwicklung eines auf die Bedürfnisse der Deutsche Post DHL zugeschnittenen Elektrofahrzeugs, hat sich aber auch auf andere Bereiche wie z.B. Pedelec oder Trike ausgeweitet. Auch zukünftig strebt der Konzern an, eng mit der RWTH Aachen bei der Weiterentwicklung der Fahrzeuge zusammenzuarbeiten.

Erste Vorserie seit 2013 im Einsatz

Der erste Prototyp des StreetScooter für die Deutsche Post wurde 2012 vorgestellt, eine erste Vorserie ist seit 2013 im Einsatz. Rund 20 Fahrzeuge fahren bereits als Teil der Elektroflotte im Rahmen des Pilotprojekts “CO2-freie Zustellung Bonn”. Hier stellt die Deutsche Post DHL die gesamte Brief- und Paketzustellung am Sitz der Firmenzentrale bis 2016 auf Elektromobilität um. Knapp 50 weitere StreetScooter sind bundesweit an verschiedenen Stützpunkten der Deutsche Post im Einsatz. Insgesamt werden ab Anfang 2015 mehr als 100 StreetScooter für die Deutsche Post DHL fahren.

Die Nutzung von alternativen Antrieben reduziert die CO2-Belastung im Straßenverkehr signifikant. Der Konzern Deutsche Post DHL ist Vorreiter in der Nutzung von alternativen Antrieben und fördert aktiv die Forschung und Nutzung in Projekten mit verschiedenen Automobilherstellern weltweit. Insgesamt sind heute über 11.800 Fahrzeuge mit alternativen Antrieben, Kraftstoffen und aerodynamischen Modifikationen für den weltweit führenden Post- und Logistikkonzern im Einsatz, darunter über 300 Elektrofahrzeuge.  Dieser Ansatz zahlt auf das konzerneigene “GoGreen Programm” von Deutsche Post DHL ein, im Rahmen dessen sich der Konzern als erster Logistikdienstleister ein konkretes Klimaschutzziel gesetzt hat: Bis zum Jahr 2020 soll die CO2-Effizienz gegenüber 2007 um 30% verbessert werden. Dieses Ziel will das Unternehmen unter anderem durch eine effizientere Steuerung der Verkehrsströme, durch die Modernisierung der Transportflotte und durch Nutzung erneuerbarer Energiequellen erreichen.

Quelle:

http://www.streetscooter.eu/